Kurzarbeit – wie lange geht das gut?

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Manche bezeichnen sie als den deutschen Exportschlager der Krisenjahre 2008/9. Noch viel mehr als damals ist Kurzarbeit in der aktuellen Pandemie für viele Ländern das Instrument der Wahl, um die Auswirkungen des Wirtschaftseinbruchs auf den Arbeitsmarkt abzufedern. Doch was kurzfristig Arbeitsplätze erhält, kann langfristig Strukturveränderungen bremsen. Wie lange Kurzarbeit sinnvoll ist und wann sie zurückgefahren werden sollte, war deshalb Thema eines gemeinsamen Webinars des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und OECD Berlin Centre am 17. Juni 2020.

Es diskutierten:

Cyrille Schwellnus | OECD-Wirtschaftsabteilung

Lutz Bellmann | Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)

Dennis Tamesberger | Arbeiterkammer Oberösterreich

Stefan Leist | Eidgenössisches Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF), Staatssekretariat für Wirtschaft – SECO, Schweiz

Moderation: Nicola Brandt | OECD Berlin Centre

Welches Ausmaß die Arbeitslosigkeit durch die Covid-19-Krise annehmen könnte, erklärte Cyrille Schwellnus zu Beginn des Webinars auf Basis der aktuellen OECD-Konjunkturprognose. Aktuelle Zahlen deuten demnach daraufhin, dass die Arbeitslosenquote im OECD-Raum im zweiten Quartal dieses Jahres um sechs Prozentpunkte steigen wird – dreimal so stark wie während der Finanzkrise 2008/9. Diese Krise sei für Wirtschaft und Arbeitsmarkt ein exogener Schock, so Schwellnus, vergleichbar mit einer Naturkatastrophe. Hält ein solcher Schockzustand nur kurz an, so sei es wichtig, Arbeitsplätze zu erhalten und einen schnellen Neustart nach der Krise zu ermöglichen. Wenn die Krise aber länger anhalte, seien meist strukturelle Anpassungen nötig. Das hänge unter anderem damit zusammen, dass Krisen wie die jetzige Trends beschleunigen können (etwa den Trend zu Onlinehandel, Telearbeit und Automatisierung), dass sie einen Einfluss auf sogenannten sozialen Konsum haben (Menschen reisen beispielsweise weniger oder anders) und dass sie Wertschöpfungsketten verändern können. Sind die Auswirkungen auf Konsum und Produktion von Dauer, so muss man entsprechend den strukturellen Wandel fördern anstatt ihn durch erhaltende Maßnahmen wir Kurzarbeit zu bremsen. Zu diesem Zweck kann man beispielsweise Markteintritts- und Austrittsbarrieren abbauen, Umschulungen und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen anbieten und Arbeitskräfte im Übergang zu einer neuen Stelle finanziell unterstützen, so Schwellnus.

Derzeit herrsche jedoch große Unsicherheit über die Dauer der Krise. Entsprechend schwierig sei es zu entscheiden, wie die Rückstufung der arbeitsplatzerhaltenden Maßnahmen gestalten werden sollte. Die OECD unterstütze die politische Entscheidungsfindung, indem sie aktuelle Daten zu den Entwicklungen in den verschiedenen Bereichen von Wirtschaft und Arbeitsmarkt bereitstelle und Handlungsoptionen analysiere – wie etwa im aktuellen Themenpapier „Wie kann die Arbeitslosenkurve abgeflacht werden?“ (siehe Download-Link weiter unten).

Die Power Point Präsentation von Cyrille Schwellnus:

Stefan Leist zufolge übersteigt die Inanspruchnahme von Kurzarbeit in der Covid-19-Krise bei weitem, was man in der Schweiz aus der Finanzkrise von 2008/9 kennt. Bereits jetzt habe man für 1,9 Millionen Personen – 36 Prozent aller Angestellten – eine Voranmeldung für Kurzarbeit. Wie viel davon tatsächlich beansprucht und abgerechnet werde, zeige sich erst in einigen Monaten.

Eine Studie, die nach der Finanzkrise 2008/9 erstellt wurde (Kopp und Siegenthaler), gibt Stefan Leist zufolge Grund zur Annahme, dass sich die Kurzarbeit damals bewährt hat. Denn die Rezession verlief in einer V-Kurve, Arbeitsplätze konnten teils langfristig gesichert werden und der Staat sparte allem Anschein nach geringfügig mehr Geld in Form von Arbeitslosengeld ein als in Form von Kurzarbeitergeld ausgegeben werden musste. Jedoch sei nicht vorherzusagen, ob dies auch in der jetzigen Krise funktionieren werde.

Für Österreich beschrieb Dennis Tamesberger, dass ein sehr attraktives Corona-Kurzarbeitsmodell entwickelt wurde. Berechnungen zeigen, dass für Betriebe in den ersten drei Monaten das Kurzarbeitsmodell günstiger war als eine Kündigung mit Kündigungsfrist. Die Zahl der Anträge sei mit ca. 1,6 Millionen etwas niedriger als in der Schweiz. Auch in Österreich sei noch nicht absehbar, wie viel Kurzarbeitergeld tatsächlich abgeschöpft werde. Derzeit seien von den 12 Milliarden Euro Kurzarbeitergeld rund 2,5 Milliarden ausbezahlt. Dass in Österreich die Arbeitslosigkeit dennoch stark anstieg, führte er unter anderem auf bislang relativ verhaltene konjunkturstützende Maßnahmen zurück.

Die positiven Erfahrungen, die derzeit in großem Maßstab mit Kurzarbeit gemacht werden, geben Dennis Tamesberger zufolge Anlass, über ähnliche Modelle für Nachkrisenzeiten nachzudenken. Eine entsprechende Überlegung sei, staatliche Prämien für Unternehmen bereitzustellen, die die Arbeitszeit ihrer Beschäftigten verkürzen und im Ausgleich dafür arbeitssuchende Personen anstellen – womit sie dem Arbeitsplatzmangel entgegenwirken würden. Mit Blick auf zukünftige Regeln zum Ausstieg aus der Kurzarbeit plädierte Tamesberger dafür, den Sozialpartnern hier ein starkes Mitspracherecht zu geben.  

In Deutschland habe die Kurzarbeit in der Krise gigantische Ausmaße angenommen, so Lutz Bellmann. Das IAB geht davon aus, dass von den mehr als zehn Millionen Anträgen auf Kurzarbeit über sieben Millionen auch umgesetzt werden. Insgesamt aber sei der Anteil derer in Kurzarbeit an der Gesamtbevölkerung niedriger als in Österreich und der Schweiz.

Bellmann zufolge war es bisher schwierig, die Krise in größerem Umfang für Weiterbildungen zu nutzen, weil auch diese derzeit nur online stattfinden können. Je länger die Krise dauere, desto wichtiger sei es, unter der Arbeitnehmerschaft mehr berufliche Mobilität herzustellen. Es brauche zusätzliche Anreize, um Menschen in Aus- und Weiterbildungen und auf neue Stellen zu vermitteln. Damit Arbeitgeber auch in oder kurz nach der Krise Arbeitskräfte einstellen, könne man beispielsweise die Sozialversicherungsbeiträge vollständig oder teilweise übernehmen. Zudem könne man Prämien vergeben, wenn Unternehmen ihre Auszubildenden in eine dauerhafte Anstellung übernehmen.

Hier finden Sie das Themenpapier „Wie kann die Arbeitslosenkurve abgeflacht werden?“ zum DOWNLOAD.