Politik in der Pandemie – Wie wichtig sind Vielfalt und Interdisziplinarität in Beratungs- und Entscheidungsgremien?

Ein Gespräch mit Jutta Allmendinger (WZB, Berlin), Monika Bütler (Universität St. Gallen), Gabriel Felbermayr (Institut für Weltwirtschaft, Kiel) und Lorena Dini (Charité Institut für Allgemeinmedizin und Coalition of Partners der WHO)

„Frauen mit Kindern haben keine Lobby“ – Gabriel Felbermayr, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, sieht hierin eine „Zukunftshypothek erster Klasse“, die sich durch die aktuelle Pandemie-Krise noch verschärft. Zwar gibt es immer mehr Frauen in wichtigen Gremien: Der Sachverständigenrat Wirtschaft beispielsweise hat seit kurzem erstmalig zwei Frauen in seinen Reihen und auch die wissenschaftlichen Beratungsgremien bei den Ministerien bemühen sich, den Frauenanteil und die Vielfalt der Spezialisierungen zu erhöhen. Neben den klassischen Makroökonomen sind seit Kurzem auch Verhaltensökonominnen mit von der Partie. „Aber wir sind noch lange nicht da, wo wir sein sollten“, meint Felbermayr.

Auch Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung Berlin, bedauert, dass die Belange von jungen Familien und Kindern bisher kaum berücksichtigt werden. Das gelte sowohl für die wissenschaftlichen Beratung als auch für die politischen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie und zur Abfederung ihrer Folgen.

„Auch wir in der empirischen Sozialforschung können eine R-Kurve zeichnen“, versichert sie. „Wir haben harte empirische Fakten, die liegen auf dem Tisch. Aber sie fließen nicht ausreichend in die öffentliche Diskussion und die politischen Entscheidungen ein. Anstatt zu dokumentieren, dass wir es mit 700 000 Alleinerziehenden zu tun haben, die jetzt ihre Kinder zu Hause betreuen sollen, zeigen die Medien Bilder und Geschichten von einzelnen Kindern und ihren Familien“. Allmendinger zufolge trivialisiert das die aktuelle Situation. Kinder aus benachteiligten Familien etwa könnten die Nachteile durch Bildungsentzug über viele Wochen oder länger nie wieder aufholen, das sei seit langem wissenschaftlich dokumentiert. Das beeinträchtige langfristig ihre Erwerbsmöglichkeiten und Lebenschancen und bringe damit auch gravierende gesamtwirtschaftliche Nachteile mit sich.  

Ähnlich stellt sich die Situation für Frauen dar. Sie tragen in dieser Krise die Hauptlast der heimischen Kinderbetreuung (zur Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung). „Wenn wir jetzt vielen von ihnen Berufs- und Karrierechancen nehmen, wenn wir ihnen nach Jobverlust die Rückkehr in den Arbeitsmarkt erschweren, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn sich das später in der Rentenlücke zwischen Männern und Frauen niederschlägt“, erklärt Jutta Allmendinger. Einen Grund dafür, dass die Situation von Frauen und Kindern so wenig Beachtung findet, sieht sie in der Zusammensetzung wissenschaftlicher Beratungsgremien. Die Unterzeichner der letzten Stellungnahme der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina etwa setzten sich aus 24 Männern und zwei Frauen zusammen; das Durchschnittsalter lag bei über 60 Jahren.

Ganz anders laufen wissenschaftliche Beratung und der Umgang mit Bildung und Familie in der Schweiz. Monika Bütler, Wirtschaftsprofessorin an der Universität St. Gallen, leitet die Arbeitsgruppe Ökonomie der wissenschaftlichen, interdisziplinär zusammengesetzten COVID-19 Task Force, die den Krisenstab der schweizerischen Regierung und das Bundesamt der Gesundheit in der Pandemie-Krise berät. Die Arbeitsgruppen dieser Task-Force umfassen unter anderem die Bereiche klinische Versorgung, öffentliche Gesundheit, Ethik, Daten und Modellierung, Immunologie, Diagnose und Testen und digitale Epidemiologie. Drei von zehn Gruppen leiten Frauen und unter den Mitgliedern der Arbeitsgruppen sind eine ganze Reihe jüngerer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. „Die Bildungsproblematik stand von Anfang an im Zentrum unserer Diskussionen“, versichert Monika Bütler. Die Regierung hat zudem flexibel und mit Augenmaß viele Maßnahmen getroffen, die Eltern und Kindern helfen. Eltern wurden zwar aufgefordert, ihre Kinder selbst zu betreuen, geschlossen wurden die Kitas aber nicht. Stattdessen wurden für die Kinder von Ärztinnen, Pflegepersonal und anderen systemrelevanten Arbeitskräften Betreuungsmöglichkeiten angeboten. Darüber hinaus gibt es finanzielle Unterstützung für Mütter und Väter, die ihre Kinder nicht mehr in die Betreuung geben können und daher weniger arbeiten konnten. Die Öffnung der obligatorischen Schulen – inklusive der Kindergärten – gehöre zu den ersten Massnahmen, die in Richtung einer Normalisierung unternommen werden.

In der neuen interdisziplinären Zusammenarbeit sieht Monika Bütler große Chancen: „Wir befruchten uns gegenseitig und das müssen wir in der langen Frist institutionalisieren“. Jutta Allmendinger stimmt dem zu. „Wir brauchen so etwas wie die Wirtschaftsweisen als interdisziplinäre Beratungsgruppe, die kontinuierlich zusammenarbeitet und dann auch Ressourcen bündelt“.

Für Lorena Dini, die in der Berliner Charité Gesundheitssysteme erforscht, ist eine stärkere Vernetzung zwischen den Disziplinen auch innerhalb der Medizin wichtig. „Zurzeit achten wir vor allem auf die mikrobiologischen Aspekte dieser Pandemie, aber es gibt auch andere gesundheitliche Aspekte“, erklärt die Medizinerin, die in mehreren internationalen Gremien für Allgemeinmedizin und Public Health vernetzt ist, unter anderem bei der Coalition of Partners des Regionalbüros Europa der Weltgesundheitsorganisation. „Wir müssen uns über mentale Gesundheit Gedanken machen, über emotionale Gesundheit. Hausärzte beispielsweise haben derzeit oftmals leere Praxen, weil die Patienten aus Angst nicht kommen“. Bei akuten Erkrankungen wie Herzinfarkt kann das zum Tod führen.

Gabriel Felbermayr wünscht sich eine ständige interdisziplinäre Beratergruppe auch auf Ebene der Europäischen Union. Und Monika Bütler bestätigt, dass die Task-Force in der Schweiz vor allem durch ihre Vernetzung mit internationalen Forschergruppen profitiert.

Jutta Allmendinger fordert eine internationale Vernetzung weit über Europa hinaus. Die Wissenschaft denke noch viel zu sehr national, was nicht zuletzt zu Lasten der ärmeren Länder gehe, die nicht die Ressourcen haben, ihre intensivmedizinischen Kapazitäten kurzfristig hochzufahren oder ihre Unternehmen und Beschäftigten mit Staatsmitteln zu unterstützen. In diesen Ländern spiele sich die eigentliche Katastrophe ab, so Allmendinger.

Felbermayr verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass nun vielfach Remittances, also Überweisungen von hiesigen Einwanderinnen und Einwanderern an ihre Familien daheim, ausbleiben. Das werde die Lage in den betroffenen Ländern zusätzlich erschweren. Gerade ärmere Länder sind Felbermayr zufolge jetzt auf internationale Institutionen wie die Welthandelsorganisation und die Weltgesundheitsorganisation angewiesen, um Expertise zu bekommen und ihre Interessen zu verteidigen. Dass der Multilateralismus ausgerechnet in der Pandemie so geschwächt ist, sieht er als großes Problem.

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